Die vierfache Gnade

nach Lukas 15,11-24

Umkehr – Heimkehr

Der verlorene Sohn kehrt zum Vaterhaus zurück. Er war seine eigenen Wege gegangen. Möglicherweise hatte er gedacht, dass er dem Leben mehr Spass abzuringen vermag, wenn er das Vaterhaus verlässt und seine eigenen Wege geht. Die Rechnung schien zuerst nach seiner Wahrnehmung auch aufzugehen. Aber schlussendlich fand er sich in einer höchst miesen Situation wieder. Da erinnerte er sich an das Vaterhaus und kam zum Schluss, dass es selbst dem Geringsten, den Tagelöhnern dort besser ging als ihm in der jetzigen Situation. Deshalb legte er sich einen Plan zurecht. Er dachte, als Sohn habe ich es verspielt. Aber vielleicht erlaubt mir mein Vater, als Tagelöhner bei ihm zu arbeiten. Ich will nach Hause gehen und dem Vater sagen: Ich habe gesündigt vor dem Himmel und vor dir. Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu heissen. Aber lass mich doch als Tagelöhner (Temporärbüro lässt grüssen) bei dir arbeiten. War dies echte Reue? War da Liebe zum Vater? Oder war die Motivation einfach Egoismus? Wollte er einfach nicht verhungern? Wir wissen es nicht. Offenbar ist es auch nicht so wichtig. Hauptsache er kehrt heim ins Vaterhaus. Denn das allein ist die Voraussetzung um die vierfache Gnade des Vaters zu erfahren.

Die bedingungslose Annahme des Vaters

Der Vater sieht den Sohn schon von weitem kommen. Er scheint sehnsüchtig darauf gewartet zu haben. Er läuft ihm entgegen, fällt ihm um den Hals und küsst ihn. Der Sohn leiert sein vorbereitetes Sprüchlein runter: „Vater, ich habe gesündigt …..“. Der Vater scheint kaum Notiz davon zu nehmen und geht überhaupt nicht darauf ein. Er liebt diesen stinkigen Dreckskerl einfach bedingungslos. Keine Motivationsprüfung! Keine Prüfung wie tief und wie echt die Reue des Sohnes ist! Keine Zeit auf Bewährung. Keine Erinnerung an die Hausregeln!

Das ist wunderbare Gnade! Wir dürfen zu unserem himmlischen Vater jederzeit heimkehren, genauso wie wir sind. Mit dreckigen stinkigen Kleidern! Die Kleider sind in der Symbolsprache der Bibel ein Bild für den Lebenswandel. Das heisst, wir dürfen mit unserem schlechten, sündigen Lebenswandel zum Vater gehen. Unsere Motivation darf sogar noch total egoistisch sein. Manche meinen, es sei nicht gut, aus Angst vor dem Verderben (Hölle) zurück ins Vaterhaus zu gehen. Der verlorene Sohn ging aber zurück ins Vaterhaus, weil er sich sagte, dass er sonst noch bei diesen Schweinen umkommt. Es war nicht die Liebe des Vaters, die den Sohn zur Umkehr bewogen hat. Der Sohn hatte nämlich nicht mehr erwartet, dass sein Vater ihn als Sohn annehmen würde. Die Liebe des Vaters hat der Sohn erst erfahren, nach dem er heimgekehrt war (umgekehrt war von seinen eigenwilligen Wegen, Busse getan hatte).

Das beste Gewand

Die Gnade Gottes hört aber bei der bedingungslosen Liebe des Vaters nicht auf. Die bedingungslose Annahme des Vaters ist wirklich etwas fast unvorstellbar Grossartiges. Aber wer bei dieser bedingungslosen Annahme stehen bleibt, der verpasst die andern Aspekte der Gnade Gottes, die noch weit grossartiger sind. So toll es ist, dass der verlorene Sohn in seinen stinkigen Dreckskleidern vom Vater umarmt und geküsst wird, kann dies nur der Anfang sein. Umarmt und geküsst werden ist schön. Aber es ist kein Dauerzustand. (Nicht einmal das verliebteste Liebespaar hält das lange aus) Und immer wieder vom Vaterhaus weglaufen und wieder zurück zu kommen um sich wieder vom Vater umarmen und küssen zu lassen, ist auf die Dauer auch nicht befriedigend. Aber ist dies nicht der Zustand vieler Menschen, die nur ein Evangelium der bedingungslosen Annahme gehört haben?

Nein, die Gnade Gottes geht viel weiter. Sie lässt den Sohn nicht vor dem Vaterhaus stehen. Sie führt ihn hinein. Sie lässt ihm das beste Kleid bringen. Habt ihr gut gelesen? Das beste, nicht irgendein. Wie bereits erwähnt spricht das Kleid vom Lebenswandel oder vom Charakter oder der Natur eines Menschen.

Durch Adam und Eva ist die ganze Menschheit Gott, dem himmlischen Vater, davon gelaufen und hat ein Leben mit der Erfahrung von Gut und Böse gewählt. Und wir alle haben einen Lebenswandel, einen Charakter, eine Natur in der das Gute und das Böse drin steckt. Und alle unsere Anstrengungen, das Böse daraus auszurotten bringen ein unbefriedigendes Resultat.

Und hier setzt der wunderbare zweite Aspekt der Gnade Gottes ein. Durch die Wassertaufe dürfen wir unsere alte sündhafte Natur, den sündhaften Lebenswandel und den sündhaften Charakter los werden. Nun was heisst sündhaft. Sündhaft ist alles, woran die Sünde haftet. Was ist Sünde? Sünde hat die Bedeutung von Zielverfehlung oder Gesetzesübertretung. Das Gesetz ist die Beschreibung von dem Zusammenleben in der Liebe, so wie Gott es sich gedacht hat. Somit ist Sünde alles Leben, welches am Ziel und an den guten Absichten Gottes mit unserem Leben vorbeischiesst.

Paulus schreibt in Römer 6,1 ff:

Was sollen wir nun sagen? Sollen wir in der Sünde beharren, damit die Gnade umso mächtiger werde? Das sei ferne! Wie sollten wir in der Sünde leben wollen, der wir doch gestorben sind? Oder wisst ihr nicht, dass wir alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft? So sind wir ja mit ihm begraben in den Tod, damit, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters auch wir in einem neuen Leben wandeln. Denn wenn wir mit ihm verbunden und ihm gleich geworden sind in seinem Tod, so werden wir ihm auch in der Auferstehung gleich sein. Wir wissen ja, dass unser alter Mensch mit ihm gekreuzigt ist, damit der Leib der Sünde vernichtet werde, so dass wir hinfort der Sünde nicht dienen. Denn wer gestorben ist, der ist frei geworden von der Sünde. Sind wir aber mit Christus gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden.“

Weiter schreibt Paulus in Kolosser 3,8ff:

Nun aber legt alles ab von euch: Zorn, Grimm, Bosheit, Lästerung, schandbare Worte aus eurem Munde; belügt einander nicht; denn ihr habt den alten Menschen mit seinen Werken ausgezogen und den neuen angezogen, der erneuert wird zur Erkenntnis nach dem Ebenbild dessen, der ihn geschaffen hat.“

Im Gleichnis vom verlorenen Sohn erwähnt Jesus nicht, dass der verlorene Sohn, sein altes Kleid ausziehen musste. Aber es versteht sich von selbst. Wer zieht schon ein neues Kleid über das alte an? Und wahrscheinlich hat er auch noch dazwischen eine Art Waschung oder Bad genossen. Er erhält das beste Kleid. Der neue Mensch ist wirklich das Beste.

Jesus erwähnt auch nicht, dass der verlorene Sohn, das Angebot angenommen und wirklich das neue Kleid angezogen hat. Auch das war selbstverständlich. So blöd konnte er nun mal nicht sein. Ist dies auch für uns so selbstverständlich, oder …..?

Durch das neue Gewand (beachte den im Deutschen sprachlichen Zusammenhang zwischen Gewand und Wandel!) erhielt der verlorene Sohn eine neue Identität. Dazu passt das Sprichwort: Kleider machen Leute! Das neue Gewand war auch nicht nur für diesen einen Festtag gedacht. Der Sohn musste nicht an nächsten Tag wieder die alten Kleider anziehen. Durch die Wassertaufe erhalten auch wir eine neue Identität.

Durch Umkehr/Heimkehr/Busse gehen wir zurück ins Vaterhaus. Dadurch können wir die bedingungslose Liebe des Vaters erfahren. Durch die Wassertaufe geschieht das Ausziehen des alten Menschen und das Anziehen des neuen Menschen.

Der Ring an der Hand

Und die Gnade Gottes geht noch weiter. Sie hat noch zwei weitere ganz wichtige Aspekte. Der eine ist der Ring. Es ist ein Siegelring. Damit wurde dem verlorenen und wiedergefundenen Sohn die Vollmacht übertragen. Mit diesem Ring wurde der Sohn als Sohn handlungsfähig.

Als Jünger Jesu sind wir handlungsfähig durch die Kraft des Heiligen Geistes.

Jesus verhiess den Jüngern vor seiner Himmelfahrt den Heiligen Geist mit folgenden Worten: Apostelgeschichte 1,8: „Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird, und werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Welt.“

Auftrag, Bevollmächtigung und Kraft gehören zusammen. Was nützt uns das beste Auto ohne Energie (Benzin oder Strom)? Nichts! Was nützt uns der neue Mensch ohne Heiligen Geist? Nichts! Wir können in dem neuen Menschen nur wandeln, wenn wir auch mit dem Heiligen Geist erfüllt sind. Und nur wenn wir erfüllt mit der Kraft des Heiligen Geistes im neuen Menschen wandeln, sind wir auch Zeugen von Jesus. Aber wir können auch nicht in der Kraft des Heiligen Geistes im neuen Menschen wandeln ohne Zeugen zu sein.

Die Schuhe

Der verlorene und wiedergefundene Sohn bekommt auch Schuhe. Die Schuhe sind ein Zeichen der Herrschaft. Zur damaligen Zeit trugen nämlich nur die Herren Schuhe und die Sklaven und Tagelöhner liefen barfuss. Herrschaft über was? Über Menschen? Nein! Das geht aus allem, was Jesus gelehrt hat, allzu deutlich hervor. Aber Herrschaft über die Sünde! Solange wir auf dieser Erde leben, werden wir auch immer wieder versucht zu sündigen. Das ging Jesus nicht anders. Aber Jesus hat nicht gesündigt und wir müssen auch nicht mehr sündigen. Wir können über die sündigen Begierden, die sich immer wieder zu Wort melden, herrschen. Dass wir wiedergeboren sind und den neuen Menschen angezogen haben, bedeutet nicht, dass wir nicht mehr versucht werden, zu sündigen. Aber es bedeutet, dass wir frei sind von der Sünde und nicht mehr den sündhaften Begierden gehorchen müssen. Wir können über diese herrschen.

Weiter sind die Schuhe eine Ausrüstung für den Weg, der vor uns liegt.

Es gilt in dem neuen Menschen in der Kraft des Heiligen Geistes zu wandeln und den Missionsauftrag, den Zeugenauftrag zu erfüllen. Das ist ein Weg.

Paulus beschreibt die Schuhe als Teil der geistlichen Waffenrüstung in Epheser 6,15 mit der Bereitschaft, für das Evangelium des Friedens einzutreten. Mit andern Worten mit der Bereitschaft, das Evangelium zu verkünden.

Schuhe schützen die Füsse. Wir sind heute so gewohnt, Schuhe zu tragen, dass wir kaum noch barfuss gehen können. Wenn wir es trotzdem versuchen, dann reagieren wir sehr empfindlich auf jedes Steinchen und alles, was nicht schön angenehm weich ist.

Die Bereitschaft für das Evangelium des Friedens einzustehen ist der beste Schutz gegen alle Empfindlichkeit. So kann zum Beispiel Paulus schreiben, obwohl er ständig verfolgt, verleumdet, dreimal gesteinigt und fünfmal ausgepeitscht wurde:

Römer 8,18: „Denn ich bin überzeugt, dass diese Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll.“

Die Quelle der Freude für Paulus war die Herrlichkeit des Ziels, das Bewusstsein für diese Herrlichkeit seiner Berufung und nicht die Annehmlichkeit der momentanen Umstände.

Durch Busse, Wasser- und Geistestaufe (Erfüllung mit dem Heiligen Geist) kommen wir auf den Weg der Errettung. Nun gilt es auf diesem Weg der Errettung weiter zu gehen bis zum Ziel. Erst wenn wir beim Ziel angekommen sind, das heisst unseren Lauf auf dieser Erde vollendet haben, ist die Errettung abgeschlossen.

Der Weg ist ein Weg der Heiligung und des Wachstums. Im natürlichen Leben kommen wir als Bébé auf die Welt. Alle Begabungen sind schon im Bébé drin. Aber es muss wachsen. Es ist okay, wenn das Bébé und später das Kleinkind noch nicht alles kann. Aber es stimmt etwas nicht, wenn es nicht wächst und sich nicht entwickelt. So ähnlich ist es auch mit der geistlichen Geburt, die durch die Busse, Wasser- und Geistestaufe geschieht. Das neue Leben haben wir vollkommen erhalten. Alles ist da. Aber es muss sich noch entwickeln. Es muss wachsen. Es ist okay, völlig normal, wenn unser Charakter noch nicht völlig umgestaltet ist und noch nicht in allem dem Charakter von Christus gleicht. Es ist auch okay, wenn wir noch nicht gelernt haben in der Kraft des Heiligen Geistes ein Zeuge für Jesus zu sein, die Kranken zu heilen und das Evangelium zu predigen in der gleichen Vollmacht, wie Jesus dies getan hat oder wie wir es bei den ersten Aposteln sehen. Aber es stimmt etwas nicht, wenn wir nicht dahin wachsen. Der Heilige Geist wird uns laufend falsche Haltungen, sündhafte Verhaltensweisen aufdecken. Das soll uns nicht entmutigen. Wir dürfen laufend in die offenen Arme des Himmlischen Vaters laufen, der uns bedingungslos annimmt, uns die Sünden vergibt und uns den neuen Wandel in Christus anbietet. Solches Aufdecken des Heiligen Geistes ist ein Grund zur Freude. Wir dürfen wachsen. Wir dürfen Christus ähnlicher werden. Zu diesem Aufdecken gehört auch, dass Gott schwierige Situationen in unserem Leben zulässt. In Drucksituationen kommt zum Vorschein, was noch in uns steckt, wird offenbar, welche Teile in uns noch Erneuerung brauchen. Wer das verstanden hat, kann sich sogar über solche Situationen freuen.

Das Angebot der Gnade als Paket

Das Angebot der Gnade ist keine Auswahlsendung. Der Vater liess Gewand, Ring und Schuhe miteinander bringen. Es ist eine Gnade mit vier Aspekten. Es ist ein Rettungsangebot mit vier Aspekten. Wer nur einen Aspekt davon will, kann die Gnade nicht ergreifen. Wer nur die bedingungslose Annahme des Vaters will ohne die neue Kreatur in Christus, ohne Zeugesein in der Kraft des Heiligen Geistes und ohne die Bereitschaft den Weg bis zum Ziel zu gehen, betrügt sich selbst. Und genauso ist es unmöglich, nur das neue Leben in Christus zu wollen und das Zeugesein und/oder die bedingungslose Annahme des Vaters und/oder den Weg wegzulassen. Und so ist es mit allen Aspekten. Es geht immer um die eine Gnade. Es gibt nur ein Alles oder Nichts. Es ist wie mit einem Gegenstand. Ein Gegenstand hat immer drei Dimensionen. Wenn wir eine Dimension weglassen, dann haben wir nur noch ein Bild von dem Gegenstand, aber nicht mehr den Gegenstand an sich.

Wer nur einen Aspekt dieser vierfachen Gnade verkündigt, der verkündigt kein Evangelium, welches die Kraft hat, Menschen wirklich zu erretten, selbst wenn er diesen Aspekt der Gnade richtig verkündigt.

Hilterfingen, 12.5.2017/wh

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